Edzard Schaper, Autobiographische Skizze

(17. Juni 1952)

Edzard Schaper, geboren am 30. September 1908 in Ostrowo, damals die letzte kleine Grenzgarnison gegenüber dem russischen Kalisz, als elftes Kind der Eltern. Der Vater, erst Offizier, später Militärbeamter, stammte aus der Provinz Hannover, die Mutter aus Ostfriesland. Durch verwandtschaftliche Beziehungen hatten die Schapers seit der Reformation Beziehungen nach Estland, wohin die ersten 1526 gekommen, nach dem Nordischen Kriege zum grössten Teil wieder zurückgewandert waren. Der Vater entstammte dem Zweig, der seit vielen Jahrhunderten nichts als Mühlen im sogenannten „Kalenberger Lande” getrieben hat. Eine „Schaper-Meule” steht dort heute noch, wird aber, da die männlichen Nachkommen versagt geblieben sind und das Wasser versiegt ist, von Fremden betrieben.

Die Jugend war von einem kleinbürgerlichen Milieu bestimmt. Bis zum Jahre 1920 sprach ich ziemlich gut polnisch, weil die meisten Schulkameraden und Spielgefährten Polen waren. Als Kind von einer Art „vegetativen Melancholie”. Die landschaftlichen Eindrücke und die Begegnungen mit dem polnischen Volke waren sehr stark. (Die deutsche Bevölkerung bestritt in jener Gegend etwa 14 % der Gesamtbevölkerung, die ganze „Umwelt” war polnisch und von jenseits der Grenze her beeindruckt.)

Der Krieg brach für uns dort sehr dramatisch aus. Ulanenpatrouillen, Brände, Franctireurs, Erschiessungen. (Durch die Stellung des Vaters schlich ich mich vielenorts ein, wo ich nicht hinpasste. Schiessplätze, Lazarette etc.).

Erster Schulbesuch in Ostrowo.

1919 der Vater von polnischem Militär verhaftet, interniert; die Familie siedelte allein in die Festung Glogau über, wohin der Vater kommandiert worden war. Der Vater kam allmählich (geflohen) nach, konnte sich aber nicht an die neue Zeit mit ihren vielen „Räten” gewöhnen und nahm nach einem dramatischen Zusammenstoss mit Untergebenen seinen Abschied.

Mittelmässiger Schüler der Oberrealschule, immer noch von „vegetativer Melancholie” erfolgt. Einzelgänger.

Ab 1922 oder 23 mit den Eltern in Hannover. Schulbesuch dort fortgesetzt. Schlechter Schüler in allen naturwissenschaftlichen Fächern, sehr gut in Deutsch, Religion, Sprachen, Geschichte. Völlig unverträglich mit Lehrern und Kameraden. Hang zur Musik, der allmählich zur Besessenheit ausartet. Vorsatz: Musiker zu werden. Mittel werden selbst beschafft. Tageslauf: Vormittags Schule, unsympathische Fächer werden gemieden, durch Selbstunterricht oder Besuch des Konservatoriums ersetzt. Nach der Schule wird in dem Schulhaus geblieben und Nachhilfeunterricht an Erst-, Zweit-, xt-Klässler gegeben, bis gegen sechs Uhr abends. Honorar für diesen Nachhilfeunterricht verschlingt das Konservatorium. (Theorie-stunden für 20 Mark, selber berechnete ich für eine Nachhilfestunde 2 Mark, durch Zusammenfassung von 4-5 Dummen in einer Stunde wurde die Plage trotzdem lukrativ). Dann, anschliessend an die Schule, Stellung in einer Buchhandlung mit Leihbibliothek. Aufräumen der verwüsteten Bibliothek. Und dann nach Haus, wo ein Leben völlig neben oder ausserhalb der Familie gelebt wurde. Arbeiten für Schule und Konservatorium, Üben mit gedämpftem Klavier, Lesen (alles Düstere, vornehmlich Strindberg) bis gegen Morgen. Nach wenigen Stunden Schlaf beginnt alles von vorn ...

Wegen besonderer (einseitiger) Begabung zum Besuch aller geisteswissenschaftlicher Fächer an der Hochschule Hannover zugelassen. Ausserordentlicher Hörer bei Th. W. Werner, einem guten Musikwissenschaftler, und Steglich. „Einjähriges” mit Versagen in allen Fächern ausser den beliebten, Sonderprüfung in Musikgeschichte etc. mit Auszeichnung. Versuch, weiter in die Schule zu gehen, nach drei, vier Tagen abgebrochen. Allerlei Irrungen und Wirrungen, – endend in einem Sanatorium wegen völliger Überarbeitung. Erste systematische Studien: „Musik der Geisteskranken”, – zu einem Aufsatz, der dann ein paar Jahre später Anerkennung fand.

Seit jenem Kollaps nie mehr ein Instrument angerührt. Statt Musik nun Theater. In einem schwarzen Lodenmantel, ewig in einem Cutaway gekleidet, 16 Jahre alt: Regieassistent, Inspizient, Mädchen für alles an einem kleinen westfälischen Provinztheater. Gehalt: 50 Mark; das Fehlende erfroren, erhungert. Erst Bekanntschaft mit Barlachs Dramatik und Plastik. Einen Aufsatz über Barlach als Privatdruck veröffentlicht, (ich glaube, heute noch nicht ganz bezahlt), mit diesem als Legitimation und persönlicher Fürsprache als Regieassistent der Oper am Württembergischen Landestheater Stuttgart angestellt. Aber die Opfer fliehend, zum Schauspiel überwechselnd. Verbindung mit Barlach aufgenommen, Besuch in Güstrow. Barlach imponierte mir damals mehr als menschliches Beispiel (für seine Zurückhaltung, seine streng bewahrte Anonymität usw.). Verhältnis mit dem Theater gelöst. In der Nähe von Stuttgart hausend, entstehen dort die ersten Schreibversuche. Eine Erzählung (gut, dass das Manuskript unwiederbringlich dahin ist), ein Roman: „Der letzte Gast”, – Aufguss aus Herman Bang, schätze ich. Ein zweiter Roman: „Die Bekenntnisse des Patrik Doyle” knüpfte an das Rätsel an, warum ein Förster in Alaska wohl die Falschmeldung in die Welt setzte, die vermissten Ozeanflieger Nungesser und Coli seien bei ihm gelandet. Aufsätze in Zeitungen, „Die Musik der Geisteskranken” in Neue Musikzeitung hoch gelobt ... Allgemeine Verliederlichung, weil die Romane ihren Verleger fanden, die Salons sich für dieses Wunderkind zu interessieren begannen. Der Verleger (Verlag Bonz & Comp., das einzig Gemeinsame mit RMR’s Anfängen) rührend. Grosse Pläne, einen Händel-Roman zu schreiben. In wachsender Verliederlichung eines Abends, kurz vor Antritt einer neuen Geselligkeit, zweitbester Entschluss des Lebens: ich merke: heute abend oder nie, – packe die Koffer, zahle die Rechnungen, verlasse im Laufe von zwei, drei Stunden Stuttgart – und habe es dann erst 1949 wiedergesehen.

Entschluss: in die Bretagne zu fahren und dort zu arbeiten, in letzter Sekunde umgestossen. Statt dessen Dänemark, eine Insel, von der ich gar nicht wusste, ob sie bewohnt sei. Dort angekommen zwei Jahre unter 121 Fischern, einem Marinearzt und einem Pastor, der allmählich vergiftet wurde, verbracht. Viel gearbeitet. Reisen nach England und nach Polen. Händel-Roman fertig. Zum Satz gegeben bei Bonz & Comp., vor dem Umbruch das ganze Manuskript zurückgezogen. Skrupel. Entschluss, das Schreiben zu lassen und Gärtner zu werden. Drei saure Monate als Gärtnerlehrling. Dann, in aussichtsloser Düsternis, in Cuxhaven auf den Fischdampfer F.C. Krogman angeheuert. Unter Island und im Weissen Meer. Sehr traurige, harte Zeit. An Land gekommen, darüber geschrieben. Bonz & Comp. verkauft mich en Bloc an Albert Langen in München. Besuch in München. Vertrag mit Langen, gleich darauf Langen-Müller, und nun wurde das Verhältnis unglücklich. Beschluss: nach Nordnorwegen, wo wir manches Mal mit F.C. Krogman gelegen hatten, zurückzufahren.

Station in Berlin. Treffe die Dame, die meine Frau wurde. Fahre statt nach Norwegen nach Estland. Aus der Erbmasse Händel entstehen andere Romane: „Suhr vom Atlas”, – nie veröffentlicht, ein Roman aus der Fischdampfer-Welt; „Jonathan Swift”, – ein Wälzer, mit schon manchem Guten, nie veröffentlicht, weil über seiner Fertigstellung das Verhältnis mit Langen/Müller sich löste und die „Insel” ihn nicht gleich aus der Erbmasse Langen übernehmen wollte. Erzählungen, eine Art romantischer Biographien, über Alexander Pope, John Arbuthnot, die Freunde Händels, Swifts.

Dann „Die Insel Tütarsaar”, rasch in ein paar Tagen geschrieben. Ich lebte damals auf dem Land an der Küste. Auch nach der Heirat im Mai 1932 behielt ich eine Art Doppelleben bei. Zur Arbeit auf dem Lande, als Ehemann in der Stadt. Aber ich arbeitete ja meistens. „Die Insel Tütarsaar” überzeugte als hoffnungsvoller Anfang Katharina Kippenberg. Ich selber hatte ein merkwürdiges Gefühl: dass dies das erste meiner Bücher sei.

Von da an ist die Insel der Verlag, und Katharina K. und Anton haben wirklich rührend für mich gesorgt.

Die Insel Tütarsaar hiess ursprünglich nicht so. Ich hatte das Manuskript „Der Glaube” genannt, ein schlechter Titel, natürlich, und doch angemessener. Von nun an war alles geregelter und sicherer, dank der Insel. – Aus dem Plan, ein Feuilleton für die „Vossische Zeitung” zu schreiben, die schon früher manchmal etwas von mir gedruckt hatte, entstand „Die sterbende Kirche”. Ich lebte ja die längste Zeit des Jahres (in Baltischport) ganz im Milieu des Romans. Von einer Arbeit zur anderen lebte ich mich tiefer in die Welt der Orthodoxie ein. Aber Christ war ich auf keinen Fall. Mir scheinen meine damaligen Arbeiten heute Vorwegnahmen zu sein. Ich vollzog etwas, was ich mit mir und an mir selbst noch gar nicht verwirklicht hatte. Aber von da an habe ich manchmal das Gefühl gehabt, alle Arbeiten rächten sich an meinem eigenen Leben und forderten zurück, was ich vorweg versprochen hatte. Besonders beim „Henker” ist es mir so gegangen.

1936 oder 1937 machte ich meine erste Vorlesungsreise in Deutschland, die auch gleich meine letzte war, denn in Waldenburg in Schlesien verstritt ich mich mit der Gestapo. Nach Reval zurückgekehrt, wurde mir bald darauf in der Deutschen Gesandtschaft der Ausschluss aus der Schrifttumskammer mitgeteilt, ohne dass dies praktisch Konsequenzen gehabt hätte, denn die Bücher durften ja in Deutschland weiter verkauft, wenn auch z.T. nicht mehr für Bibliotheken angeschafft werden, und der „Henker” konnte 1940 auch noch erscheinen.

Von der NSDAP wurde ich – ich glaube, 1938 – als vermutlicher sowjetischer Agent verfolgt. Das war noch in Reval, schaffte viele Schwierigkeiten. Durch Pechel bei der antinaz. „Koalition” gehalten.

1939 Umsiedlung verweigert und Unwille, nach Deutschland umzusiedeln. Winterkrieg. Erste Beziehungen mit der finnischen Kontraspionage. 1940 zur Tarnung und um eine Legitimation für den Verbleib im Lande zu haben, Korrespondent der „United Press”. Mit heiligem Leichtsinn viele merkwürdige Transaktionen gemacht, nicht ohne Unterstützung von Canaris, in schwierigen Fällen auf jeden Fall, ohne dass sein Apparat etwas dagegen tat. Etwas reichlich zwielichtige Zeit, um es mild auszudrücken.

August 1940 war es den Sowjets zuviel. Sehr überstürzte „Abreise”. Und doch war ich der einzige, der noch aus dem Lande kam.

In Finnland zunächst beschattet, wie alles, was aus Estland kam. Später sehr freundschaftlich die Aufklärung. Das zwielichtige Doppelleben ging weiter: Teils Journalist, teils Nachrichtenstelle im Dreieck deutsch-finnischer-estnischer Interessen. Das Volksgerichtsurteil kann ich nicht übel nehmen. Aber das Balancieren auf dem Grat schien mir schon damals tödlich gefährlich, eine rein militärische saubere Lösung gab es nicht unter jenen Verhältnissen. So kam es, dass ich mich 1943 einfach freiwillig zur Truppe meldete, – um im „Informationsamt der finnischen Regierung” zu landen.

Als 1944 die Flucht nach Schweden nötig war, erntete ich die Konsequenzen aller Undeutlichkeiten, denn bald verdächtigte man mich, ein sowjetischer, bald ein nazistischer Agent zu sein, und von beiden Seiten her erhob man Anspruch. Sehr viele wenig rühmliche Divertissements der schwedischen Ausländerkommission, stark kommunistisch infiltriert, die dann von anonymer Stelle (des Militärdepartements oder der Sicherheitspolizei, ich weiss es nicht) durchkreuzt wurden. (Ausserdem wurde von Finnland her interveniert).

Kümmerliches Leben als Waldarbeiter. Dann Übersetzungen für den Neuen Verlag, schliesslich mit Hilfe konservativer schwedischer Politiker und persönlicher Freunde die Anstellung als Sekretär in der schwedischen Kriegsgefangenenfürsorge und Nachkriegshilfe.

Als Flüchtling in Schweden im Krankenhaus Paulus gelesen. Was Christ an und in mir ist, ist im Fegefeuer der Monate November 1944 – März 1945 entstanden.

Recht und schlecht, ohne etwas zu schreiben, nur mit Übersetzungen, in Schweden bis zum Jahre 1947 gelebt. In der Arbeit als Sekretär erfolgreich und wirklich von Herzen bei der Sache.

17. Juni 1947, – heute vor 5 Jahren –, in die Schweiz gekommen ........

Institut für Ökumenische Studien - Av. Europe 20 - 1700 Freiburg - Tel +41 26 / 300 7410 - Fax +41 26 / 300 9783
barbara.hallensleben@unifr.ch - Swiss University